"unheimlich fantastisch oder total real"
Jahresausstellung des BBK Oberfranken
Stadtgalerie Villa Dessauer Bamberg
15.10.-27.11.2022

BBK Jahresausstellung 2022

Jahresausstellung des BBK Oberfranken

Im Zusammenhang mit den großen Ausstellungen zum 200. Todestag E.T.A. Hoffmanns der Staatbibliotheken Berlin und Bamberg sowie dem Deutschen Romantik-Museum in Frankfurt widmet sich auch der BBK Oberfranken mit seiner Jahresausstellung 2022 diesem Thema. Unter dem Ausstellungstitel "unheimlich fantastisch oder total real" sollen vor allem die Bezüge zu neuen und utopischen Ideen sowie Entwicklungen bis in die unmittelbare Gegenwart hinein sinnlich erfahrbar gemacht werden. 24 Künstlerinnen und Künstler zeigen eine große Bandbreite künstlerischer Darstellungsmöglichkeiten, zu der sie die Auseinandersetzung mit dem Leben und Werk E.T.A. Hoffmanns inspiriert hat.


Ausstellende Künstler:innen

Kerstin Amend-Pohlig, Walli Bauer, Mathias Börner, Thomas Brix, Chris Engels, Henrike Franz, Barbara Gröne-Trux, Christine Gruber, Gerhard Hagen, Andrea Landwehr-Ratka, Ruth Loibl, Thomas Michel, Cornelia Morsch, Wolfgang Müller, Stephan Pfeiffer, Gert Ressel, Veronika Riedl, Waltraud Scheidel, Nelly Schrott, Maria Söllner, Hubert Sowa, Cordula Utermöhlen, Ute Westien.



Vernissage

14.10. um 19 Uhr

Begrüßung: Michaela Schwarzmann
Grußwort der Stadt: Oberbürgermeister Andreas Starke
Einführungsrede: Thomas Reher, Stadttheater Fürth
Musik: E.T.A. Hoffmann Kompositionen gemeinsam vorgetragen durch den Tenor Martin Fösel und den Pianisten Patrik Hévr

Es gelten zur Vernissage die aktuellen Schutz- und Hygienemaßnahmen: 3 G

Begleitprogramm:

Donnerstag, den 20.10. um 15:30 Uhr
Berganza - Auf dem Pfade von E.T.A. Hoffmann - Hundespaziergang im Hain mit dem Tierheim Berganza

Ob Buddy, Carlos, Coco, Lotti, Mäx, Mucki, Peanut, Peppa, Spot und Willy ... Für seine Videoarbeit Berganza Reloaded, die in der Jahresausstellung des BBK zu sehen ist, hat Gerhard Hagen Hunde im Tierheim Berganza in Bamberg gefilmt. Schon bei E.T.A. Hoffmann nimmt der sprechende Hund Berganza als philosophischer Dialogpartner eine tragende Rolle ein. Wir möchten mit der Kooperation mit dem Tierheim Berganza - Hundespaziergang im Hain - Auf dem Pfade von E.T.A. Hoffmann, darauf aufmerksam machen, wie sehr Hunde zu echten Partnern und Freunden des Menschen geworden sind. In anonymen Großstädten leben viele ältere Menschen allein und sozial isoliert. Hunde sind häufig ihre einzigen Ansprechpartner und bringen Freude in ihr Leben, die Arbeit des Tierheims Berganza spielt hierfür auch in Bamberg eine wichtige gesellschaftliche Rolle.

Kooperation mit dem Tierheim Berganza, Hundespaziergang im Hain, Treffpunkt Stadtgalerie Villa Dessauer
Dauer: ca. 1 Stunde

Sonntag, den 23.10., 15 Uhr
Künstlerführungen mit Hubert Sowa

Donnerstag, den 27.10. um 19.30 Uhr
Lesung mit Martin Neubauer "RAPPELT'S IHNEN IM kOPFE?"

Martin Neubauer hat für diesen Abend köstlich vergnügliche, aber auch erschreckende Miniaturen und Kuriositäten ausgewählt, die nur selten zu hören sind. Als säße man mit dem Dichter zu Tisch ...
Martin Neubauer trägt Texte von E.T.A. Hoffmann in den Räumen der Kunstausstellung vor. Im Anschluss an die Lesung kann die Ausstellung besucht werden und mit den ausstellenden Künstlern und Künstlerinnen gesprochen werden.

Einlass ab 19 Uhr, Stadtgalerie Villa Dessauer
Ende 21.30 Uhr

Samstag, den 29.10., 11-15 Uhr
total reale Aktion - BBK Jahresausstellung unheimlich fantastisch

Total reale Aktion zu E.T.A. Hoffmann am Gabelmann Bamberg mit Andrea Landwehr-Ratka im Rahmen der Kunstausstellung des BBK Oberfranken in der Villa Dessauer, Bamberg. Andrea Landwehr-Ratka im Hoffmann Gewand, ausgerüstet mit einem Flüsterrohr, trägt seine Texte vor.

Sonntag, den 30.10., 15 Uhr
Künstlerführungen mit Thomas Brix

Sonntag, den 6.11., 15 Uhr
Literarischer Nachmittag - Lesung "Apocalypse in Bamberg" mit den Schüler/innen des Clavius Gymnasiums

Literarischer Nachmittag mit den preisgekrönten Werken von E.T.A. Hoffmann. Lesung "Apocalypse in Bamberg" mit den Schüler/innen der Klasse 6b des Clavius Gymnasiums.
Die Story beginnt bei den roten Männern am Schönleinsplatz und endet bei Hoffmann in der Villa Dessauer.

Sonntag, den 13.11., 15.00 Uhr
E.T.A. Hoffmann trifft GenZ
Literarischer Nachmittag - Lesung mit der Preisträgerin des literarischen Wettbewerbs zum E.T.A. Hofmannjahr 2022 - Viola Hochreuther und Finja Nawratil

Die Schülerin Viola Hochreuther des Franz-Ludwig-Gymnasiums liest aus ihrem Werk "Wenn Blicke töten könnten" und Finja Nawratil des Eichendorff-Gymnasiums liest aus ihrem Stück "Mirror".

Freitag, den 18.11., 18 Uhr
Kinder führen durch die Ausstellung - unheimlich fantastisch oder total real

Kinder führen durch die Ausstellung. Schulprojekt der Montessori Schule Bamberg mit der Präsentation der ausgestellten Werke gesehen durch die Augen der Schüler/innen.
Schon im gemeinsamen Schulprojekt im Kunstraum Kesselhaus 2019 hatten die Schüler/innen der Montessori Schule die Werke von BBK Künstler/innen erklärt. Das Projekt hat die Kinder, Schulleitung, Künstler/innen und Besucher so begeistert, dass sich die Montessori Schule und der BBK auf eine Wiederholung in der Villa Dessauer sehr gespannt sind.

Stadtgalerie Villa Dessauer, Hainstr. 4a, 96047 Bamberg  |  Do - So. 12 - 18 Uhr

Freier Eintritt für alle gilt jeden ersten Sonntag im Monat sowie für angemeldete Schulklassen jeden Dienstag.


Kerstin Amend-Pohlig

Kerstin Amend-Pohlig
LICHTWUCHS 0-53-0, 2021
Kräfte von innen

Die Entwicklung meiner (Licht)-Skulpturen basiert auf der Idee, dass während der Entstehung ihrer Form zugleich eine Kraftquelle in ihrem Inneren zu wirken beginnt. Im Fortlauf des Geschehens wandelt sich die ursprünglich fiktive Existenz dieser Kraftquelle. Stoßartige Aus- und Durchbrüche, Prozesse des Aufplatzens oder ein sich Wege bahnendes Hinausfließen ins Freie werden sichtbar und real.

In den Formprozessen bilden sich Krusten, Furchen, Löcher, Risse und Erhebungen - bis in die höchsten Schichten der Skulpturen - erst monochrom dann farbaktiv. Angedockte Abkapselungen - verbunden mit Kanälen im Inneren der Skulpturenkörper - zeigen in Verbindung mit LED eine lavaähnliche Leuchtkraft.
b Entwicklung, Formung und Beobachtung kommen aus einer sich fortsetzenden abstrakten Komplexität - Deep Thinking - eine Kombination aus fokussierenden Denkprozessen und der absoluten Freiheit der damit verbundenen und weiterführenden Empfindungen. Daraus resultieren fortwährende Entwicklungsprozesse - ohne Anfang und Ende. Gefertigt sind die Skulpturen aus vielfältigen Materialien: Stein, Gips, feinkörniges Steingranulat, Karton und Kunststoffe, recycelt, Acryl. Die Maltechnik bestimmt stark das Zusammenspiel der Formen und den Ausdruck der Skulpturen.



Walli Bauer

Walli Bauer
E.T.A. Hoffmann tritt neben sich II, 2022
Phantasie, Spaltung

Unheimlich phantastisch oder total real: Gerade im E.T.A. Hoffmann-Jahr lag es nahe, mich mit dem "Phantasten" Hoffmann zu beschäftigen. Den Zugang zu der phantastischen Welt, die sein Werk prägt, hat er mit vielen Künstlern der Musik, Literatur und den Bildenden Künsten gemein. Hoffmanns Gedankengewitter setzen kreative Prozesse in Gang, formen Figuren, die sich verselbständigen, dem Kopf entfliehen und ihrerseits Geschichten erschaffen. Wahn-Prozesse schließen sich an. Der Grat dazwischen lässt Kunst entstehen.

Der Körper tritt aus sich selbst heraus. Neben dem eigenen Umriss entsteht wie in einer Zellteilung eine phantastische Verkörperung: die des Phantasten mit der gespaltenen Persönlichkeit, zwischen dem liebenden Ego, dem suchenden und dem kreativen Künstler.

Ein zeitloses Geschehen zeigt sich in unterschiedlichen Mantelungen: Phantasien können gefangen halten, aber auch ungeahnte Kreativität schenken. All das wiederholt sich zu allen Zeiten - und besonders die Kunst schöpft aus solchen Prozessen.



Mathias Börner

Mathias Börner
cosmic power 8, 2022
Gebrochene Weltsicht

Die Umbrüche und Verwerfungen im Weltgefüge lösten in den letzten zwei Jahren die stabile orthogonale Struktur meiner Spektralwelt-Bilder zu Gunsten einer freien, spannungsgeladenen, diagonal ausgerichteten Komposition auf. Aus der eher reliefartigen, durch Farbe bestimmten Plastizität der Spektralwellen brachen nun kristalline, stark plastische, teils bizarre Strukturen auf. Fügungen und Faltungen zwangen die nur leicht plastischen Spektralwellen in dreidimensionale, perspektivisch ausgerichtete Körper, die teils bis in ihre Spitzen aufs Äußerste gedehnt erscheinen.
Als Konstruktionszeichnung angelegt führt die farbliche Ausführung den Betrachter in räumliche Verschränkungen und Bezugsfelder, die wechselhaft und teils schwer aufzulösen sind. Der monochrome, freie Hintergrund isoliert das kristalline Bildobjekt. Ein Bezug zu realen Größen existiert nicht. Der Bildgegenstand ist nicht kartierbar und schwebt im endlosen Bild-Raum.
Die Werkreihe "cosmic power" zeigt eine facettenartige, wie in einem Spiegelkabinett gebrochene Sicht einer Welt im Umbruch.



Thomas Brix

Thomas Brix
Heil - Land, 2018
Pakt mit dem Teufel

Die Zeichnungen entstanden zwischen 2018 und 2019. Der Wahnsinn der Trumpregierung, die Angst vor der Absolutheit eines Überwachungsstaates mit Hilfe der neuen technischen Möglichkeiten des Internets, der Geruch des Krieges, der in der Luft lag bei gleichzeitigem wohlstandsfettleibhaftigem Tiefschschlaf der Merkel-Ära, eine Klimakrise, die uns zu vernichten droht, während das Evangelium der Marktwirtschaft gepredigt wird: E.T.A. Hoffmann ist Wirklichkeit geworden! Abgründe tun sich auf. "Wandel durch Handel" wurde zu "Gier frisst Hirn". Der Pakt mit dem Teufel ist keine dunkle Romantik, er ist real, der Sandmann lebt.



Chris Engels

Chris Engels
Die Dunkelheit der Nacht gebiert fantastische Gestalten, 2022
Die Dunkelheit der Nacht gebiert fantastische Gestalten

Ein nächtlicher Tanz ums Feuer. Schemenhafte Gestalten. Zerrissene, fragmentarische Figuren, Formen, Farben... Alles flüchtig, für den Betrachter weder fassbar noch greifbar. Und doch war alles für einen kurzen Moment real. Stroboskopartig beleuchtet sichtbar. Momentaufnahmen. Dann wieder in der Dunkelheit verschwunden. Tauchen an anderer Stelle in veränderter Form und Intensität wieder auf um dann ebenso schnell wieder zu verschwinden, um nur in der Erinnerung zu bleiben und die Phantasie zu beflügeln. Wie nächtliche Träume und Albträume, die im jeweiligen Moment für den Träumenden real sind und deren Erinnerung uns oft über den Tag begleitet. Aber sie entziehen sich dem Verstand und der Vernunft, jeglichem Wissen, jeder Erklärung.

Träume und besonders Albträume waren in der Romantik ein wichtiges Element in der Kunst. Die der Romantik vorangegangene Epoche, die Aufklärung, versuchte die Welt mit Hilfe des Verstandes und der Vernunft zu erklären. Dieser rationalen Deutungsweise wollten sich die Künstler der Romantik entziehen, indem sie Phänomene zwischen Himmel und Erde aufgriffen, die eben nicht so eindeutig und eindimensional erklärbar sind. Die Gefühle erzeugen oft auch unangenehme Gefühle wie Unbehagen, Angst und Schrecken.



Henrike Franz

Henrike Franz
Mars und Mensch (Autobahn) 4, 2021
Mars und Mensch

Der Aufbruch in den Weltraum, die Besiedlung anderer Paneten, etwa des Mars', ist ein Urtraum vieler Menschen: Man erhofft sich das Aufbrechen zu neuen Ufern, wie den der Pioniere im wilden Westen. Was vor Jahrzehnten noch als unmöglich galt, wird heute zur greifbaren Realität.
Zuerst ist es nur ein Gedanke - total fantastisch, ein Hirngespinst fast - doch dann wird es wahr. Wird es mit der Vision von der Kolonialisierung des Mars' auch so geschehen - und werden wir dort alles anders und besser machen? Oder dehnen wir uns einfach nur weiter aus ohne uns zu verändern?
Diese Fragestellungen und noch viel mehr spiegeln sich in meiner Werkreihe "Mars und Mensch" wider. Originale Fotoaufnahmen der Marsoberfläche dienen mir in meinen Collagen als Grundlage für meine zeichnerischen Gedankenspiele.
Wie wäre wohl der Alltag auf dem Mars? Unheimlich real?



Barbara Gröne-Trux

Barbara Gröne-Trux
Fundstück, 2001
Puppe, heimlich unheimlich

Wie kommt eine nackte, weibliche Schaufensterpuppe auf eine weit abgelegene winzige Malediveninsel, wo es unter einer streng muslimischen Verwaltung bei Androhung hoher Strafen verboten ist, jegliches auch nur annähernd erotische Bild- oder Videomaterial einzuführen?

Bei einer Insel-Umrundung fand ich in einem Gebüsch erst den Rumpf, dann 100 Meter weiter die Beine.
Die Fotos entstanden heimlich frühmorgens, als alle noch schliefen, auf einer einsamen Sandbank.
Unheimlich fantastisch aber gleichzeitig total real.



Christine Gruber

Christine Gruber
Christine Gruber, Floria Tosca, 2005
Böse Kräfte

E. T. A. Hoffmann ist der erste Romantiker, der die "Nachtseite" der menschlichen Existenz in all ihrer Radikalität ausleuchtet und erzählerisch poetisiert. Ein junger Held gerät unversehens in die Hände einer geheimen Macht, die Einfluss auf sein weiteres Werden oder Verderben nimmt.

Das Motiv, ohne eigene Steuerungsmöglichkeit einer fremden, zumeist bösen Kraft ausgeliefert zu sein, machte Hoffmann in vielen seiner Texte immer wieder zum Hauptthema. (Wikipedia) Sowohl das Unheimliche als auch das Fantastische entstehen im Kopf und gehören deshalb eher zu den dunklen Seiten der menschlichen Existenz. Das Irreale macht ihre Kraft und Ungreifbarkeit aus. Das Unheimliche kann fantastisch sein und das Fantastische unheimlich. Als "total real" könnte man die Zone des Gegenständlichen ansehen. Doch so wirklich "real" ist auch diese nicht, weil unsere Augen letztlich "durch den Kopf hindurch" auf die Dinge zielen. Insofern ist das Leben auch ein "Traum" (Jorge Luis Borges).

Die Bilder, die ich für die Ausstellung einreiche, betreffen das Unheimliche, das ich zeichenhaft und durch Farbkontraste vermittle. Rot-Grün im Kontrast wirken vital und dunkel zugleich, als wären die beiden Farben zwei Seiten eines Zustands.

Floria Tosca, getrieben von bösen Mächten, jongliert, wie der Illusionist, mit Wünschen und Tatsachen. Hoffnungen und Vorstellungen führen sie zum Abgrund. Der Altar erhebt sich wie von selbst (surreal) für die Opfer an die Mächte.



Gerhard Hagen

Gerhard Hagen
Berganza Reloaded 1, 2022
Berganza Reloaded

E.T.A. Hoffmann greift in seinem satirischen Kunstgespräch Nachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza eine literarische Figur von Miguel de Cervantes Saavedra auf und entwickelt diese zu einem philosophischen Dialogpartner weiter, der über den Widerspruch zwischen romantisierender Schwärmerei und der harten Lebensrealität des 19. Jahrhunderts parliert. Nach einem Kneipenbesuch trifft der menschliche Ich-Erzähler auf dem Nachhauseweg auf den sprechenden Hund Berganza. Dieser der Poesie zugeneigte Hund vagabundiert seit über 200 Jahren durch Europa. Von seiner Heimat Spanien aus gelangt er über Italien schließlich nach Deutschland, wo er Zugang zu den Salons der Aristokratie hat und Anekdoten über seine Herren und Herrinnen zum Besten gibt. Er ist bewandert in spanischer Kirchenmusik, reüssiert am Theater und ist ein Meister der geistreichen Konversation, wenn es darum geht, vom Thema abzuschweifen.

Mit der Figur des Hundes Berganza nimmt E.T.A. Hoffmann satirisch sich selbst und Personen aus seinem Umkreis aufs Korn, zugleich übt er versteckt Kritik an der Musik- und Theaterszene seiner Zeit. Für seine Videoarbeit Berganza Reloaded hat Gerhard Hagen Hunde im Tierheim "Berganza" in Bamberg gefilmt, die Einzelaufnahmen mit pop-artigen Hintergründen hinterlegt und zu einer Collage aus Hundeporträts zusammengefügt. Hoffmanns Text wurde von Computerstimmen eingesprochen und mit den Hunden synchronisiert. Die Geschwätzigkeit Berganzas endet in einer Kakophonie, die in ihrer schrillen Buntheit die Reizüberflutung der Social Media karikiert.



Andrea Landwehr-Ratka

Andrea Landwehr-Ratka
Des Künstlers Koffer, 2022
Heimatverlust - Koffer - Zeitenwende

Zu sehen ist ein alter hölzerner Koffer, ein Arme-Leute-Koffer, der einen Spiegel beherbergt. Bei genauerer Betrachtung lässt sich das Seitenprofil des E.T.A. Hoffmann entdecken - die Linienführung des Profils scheint verdoppelt.

Das Tuch ist drapiert wie ein Theatervorhang, könnte aber auch der Schal des Reisenden sein. Buch, Tinte und Feder deuten auf den Schreiberling hin, der im Schreiben seinen Unterhalt zu verdienen suchte.

Die Arzneiflaschen - mit Mitra versehen - deuten die Beschäftigung des Künstlers mit der Medizin an, von der er sich in Bamberg inspirieren ließ, sie verweisen aber auch auf seine Werke, in denen stets Alkohol insbesondere Punsch Erwähnung fand. Die geringe Wirkung des Getränks nannte Hoffmann den Bischof, die höhere den Kardinal, daher zwei verschiedene Mitren. Die weiße ist aus Papier und verweist erneut auf die schriftstellerische Tätigkeit des Protagonisten.



Ruth Loibl

Ruth Loibl
theworldisavampire, 2022
...the world is a vampire...

Ein in der Punk- und Rockmusik der siebziger/achtziger Jahre sozialisierter Mann gab mir die "Playlist seines Lebens": 30 von ihm für mich herausgefilterte Songtitel zusammen mit den Bandnamen und zwei CDs mit den zugehörigen Aufnahmen. Er sprach über seine Konzerterlebnisse, die alltägliche Hörpraxis und die Bedeutung dieser Musik für sein Leben. Ich hörte ein halbes Jahr lang immer wieder die Songs und recherchierte deren Texte.

Diese Klangwelt in eine Bildsprache zu übersetzen war herausfordernd. Drei Arbeitsprozesse schichtete ich übereinander:
Zugrunde liegen drei im Handsatz gesetzte und im Hochdruck gedruckte Spalten mit Textfragmenten, Songtiteln und Bandnamen.

Den streng dokumentarischen Charakter dieser Basis betonte ich durch massive fette Plakatschriften und setzte visuell Verwirrung stiftende Elemente darüber. Die Stempelungen der Ornamentfläche auf der mittleren Ebene lassen sich als Negativ- oder Positivbild lesen: ein Kippbild. Schließlich schaffen die Schraffuren der Federzeichnung in einem dritten Arbeitsgang eine flirrende und Plastizität vorgaukelnde Oberfläche. Die Nacheinanderfolge von drei verschiedenen Arbeitsgängen verschränkt sich in der Betrachtung zu einem einzigen dichten, scheinbar vibrierenden Gefüge.

Mit dieser Methode des Übereinander- und Ineinanderschiebens entsteht seit 2016 in lockerer Folge eine Serie von Bildern, die dem sehr persönlich erstellten, mir anvertrauten Zeugnis eines Zeitgenossen gewidmet sind.

Realismus im bildnerischen Gestalten heißt für mich, eine Form der Übersetzung zu finden für das, was mir im Alltag begegnet. Ausgangspunkt sind sorgfältige Beobachtung, das Aufgreifen von alltäglichen Dingen oder Vorgängen, ein Nachdenken über die um mich herum waltenden Kräfte. Und diese Kräfte verlangen manchmal Nüchternheit, Strenge, Sich-Zurücknehmen, manchmal Übermut, Wucht oder Irrationalität in der Formsprache.



Thomas Michel

Thomas Michel
Olimpia, 2022
Olimpia - eine transhumane Vision

1801 besuchte E.T.A. Hoffmann in Danzig eine Ausstellung uhrwerksgetriebener Automaten, die ihn zur Figur der Olimpia in seiner Novelle Der Sandmann von 1816 inspirierte. Der tragische Held Nathanael verliebt sich in eine weibliche, vom Physikprofessor Spalanzani erschaffene Puppe. Für Nathanael dient Olimpia als weibliche Projektionsfläche erotischer Begierden, die perfekte Hülle des Automaten ohne Persönlichkeit wird zum Spiegel seines narzisstischen Ichs, das von unbewältigten Kindheitstraumata gefangen ist. Zugleich stellt Olimpia die Idealfrau der Romantik dar, die die animalische Seite des männlichen Begehrens heraufbeschwört.

Was zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Faszination an der animierten menschlichen Gestalt in Form von Wachsfiguren, Marionetten und Spieluhren war, das Spiel mit den Urängsten des Menschen, ist heute die Begeisterung für humanoide Roboter und künstliche Intelligenz. Im 21. Jahrhundert ist daraus die philosophische und intellektuelle Bewegung des Transhumanismus entstanden, die geleitet von der ethischen Abwägung der Chancen und Risiken eine neue Evolutionsstufe der Menschheit anstrebt, in der der menschliche Organismus durch Technologie weiterentwickelt wird, Krankheiten eliminiert und der Alterungsprozess aufgehalten wird. Biotechnologie, Gentechnik, Klonen, Nanotechnologie und künstliche Intelligenz bis hin zum Daten-Upload des menschlichen Geistes dienen dabei als Werkzeuge auf dem Weg zum Übermenschen.

Mein Werk Olimpia spannt den Bogen von E.T.A. Hoffmanns Automaten zum Transhumanismus des 21. Jahrhunderts. Das Gesicht Olimpias wurde dabei von einem Algorithmus erzeugt und dient als Projektionsfläche der Idealfrau. Das Doppelbildnis spielt auf den künstlichen Doppelgänger und das Klonen an, die beiden identischen Bildnisse sind eine Auseinandersetzung mit der menschlichen Identität und seiner Manipulierbarkeit, sowie mit dem Verhältnis von Original und Fälschung.



Thomas Michel

Thomas Michel
Das schwarze Tor, 2022
Das schwarze Tor

In seinem "Märchen aus der neuen Zeit" Der goldne Topf beschreibt E.T.A. Hoffmann die Abenteuer des Studenten Anselmus in seinem Kampf zwischen bürgerlichen Zwängen und seiner Berufung zur Dichtkunst, in der er das Wunderbare eines imaginären Atlantis erlebt. Dieser Welt der Tagträume und der Imagination steht das dunkle Reich des Unheimlichen gegenüber, wo die Kräfte des Bösen in Gestalt des Marktweibs, die als Hexe wiederkehrt, die kreativen Neigungen Anselmus´ bedrohen. Im Haus und Garten des Archivarius Lindhorst spürt Anselmus die betörende Kraft der Fantasie, die den grauen Alltag in Zauberwelten mit üppiger Vegetation, exotischen Tieren und prachtvollem Ambiente verwandelt.

E.T.A. Hoffmann hat sein Märchen in zwölf Virgilien gegliedert, also Nachtwachen, die auf seine nächtliche Schreibsituation anspielen. Drei Schlüsselszenen daraus habe ich zu einer begehbaren Installation verwoben. Die Stelle, wo früher einmal das Schwarze Tor in Dresden stand, lag auf dem Heimweg des Kapellmeisters Hoffmann, wenn er vom Opernhaus in der Altstadt zu seiner Wohnung am anderen Elbufer zurückkehrte. Symbolisch steht es auch für das Tor zum Reich des Unbewussten. Der Türklopfer am Haus Eisgrube 14 in Bamberg, wo E.T.A. Hoffmann oft seinen Freund Carl Friedrich Kunz besuchte, inspirierte ihn zu der Szene, wo Anselmus das Äpfelweib erscheint und dieser in Ohnmacht fällt. Der rätselhafte Fluch des Äpfelweibs "ins Kristall bald dein Fall" gipfelt in der Szene, wo sich Anselmus in einer Glasflasche wiederfindet, zusammen mit fünf weiteren Leidensgenossen, die sich ihrer Gefangenschaft aber nicht bewusst sind. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde das Gefühl, in Glas eingeschlossen zu sein, oft als Symptom des Wahnsinns gedeutet - für Anselmus der Preis des Künstlertums.



Cornelia Morsch

Cornelia Morsch
5 Verwurzelt I, 2019
Ambivalenzen

Fein gesetzte Strichrhythmen verdichten sich zu Wesen. Der Hintergrund der Zeichnung bleibt ausgespart. Zwischenräume und Freiflächen stehen in einem kalkulierten Spannungsverhältnis. Strukturen und Oberflächen werden sinnlich wahrnehmbar. Die Komposition von Naturelementen erzeugt neue, vielschichtige Objekte. Die Farbigkeit ist auf Erdtöne begrenzt. Nichts Effekthascherisches soll die Betrachtung ins Detail stören.

Die großformatigen Graphit- und Farbstiftzeichnungen thematisieren die Durchdringung und zugleich die Ambivalenz von Natur und Kultur, von Innenwelt und Außenwelt und von sinnlich Wahrnehmbarem und Übersinnlichem.

Wie in Werken E.T.A.Hoffmanns soll das "unheimlich Fantastische" in meinen Bildwelten zu einer tiefergehenden Wahrnehmung menschlichen Seins und seelischer Dimensionen anregen. Das Verbindende und zugleich unserer Gegenwart und Zukunft Betreffende dieser Zeichnungen ist die mit künstlerischen Mitteln verdichtete Ahnung und Einsicht, dass unser äußeres und inneres Sein von der Natur durchdrungen ist, von einer Natur, die über das rein Menschliche hinausweist und immer ins menschliche Fühlen, Denken und Handeln einbezogen sein sollte. Verwurzeln und Entwurzeln bleiben ambivalent und zerbrechlich.



Wolfgang Müller

Wolfgang Müller
Fantasiestücke - zur vollen Stunde gestartet, 2018
Fantasiestücke

Ausgangsbild ist ein in einzelne Teile zerlegtes Porträt Hoffmanns. Die Teile werden von Uhrwerken bewegt. Die Idee entstand in Anlehnung an einen Text von E.T.A. Hoffmann.

Das Werk soll den fantasierenden Hoffmann symbolisieren. Gleichzeitig können die entstehenden zwischenzeitlichen Bildkonstellationen die Fantasie der Betrachter anregen. Nach einer Stunde kehrt das Bild in seine Ausgangsposition zurück.



Stephan Pfeiffer

Stephan Pfeiffer
Galerie, 2021
Bahn ins Wunderbare

Die Konstruktionsmerkmale liegen klar auf dem Tisch: Malerei und Fotografie (oder jedes Medium für sich) werden ausgeschnitten und kombiniert - entweder in Papierform oder als Malerei. Sie sind für mich derzeit das Mittel der Wahl. Durch die Verbindung von Elementen, welche aus ganz unterschiedlichen Kontexten stammen, wird ein neues Ganzes geschaffen, das als Verkörperung des Lebensgefühls und des Zeitgeistes einer immer mehr ins Virtuelle, Irreale abdriftenden Welt verstanden werden kann.

Für mich ist dieses "zufällige und künstlich provozierte Zusammentreffen zweier wesensfremder Realitäten auf einer augenscheinlich ungeeigneten Ebene und der Funke Poesie, welcher bei der Annäherung an diese überspringt" (Max Ernst) immer wieder faszinierend und interessant. Die Collagen und ihre Inhalte offenbaren sich nicht, sondern wahren ihre Geheimnisse. Schaut man genauer hin, können sie immer auch etwas ganz Anderes zeigen als das, was man auf den ersten Blick zu erkennen glaubt - eine Bahn ins Wunderbare, Abenteuerliche?
Die Bilder sind bewusste Inszenierungen. Im besten Falle irritieren sie durch ihre Verweigerung und regen zum Nachdenken an.

Ich selbst bin vor über 20 Jahren zur Malerei gekommen, zunächst als Autodidakt, später mit professioneller Unterstützung. Die Faszination für die Malerei hat in all diesen Jahren für mich nie nachgelassen. Künstlerisch tätig zu sein ist für mich zu einer inneren Notwendigkeit geworden, ein Weg, über das Leben nachzudenken und mich mit der Realität auseinander zu setzen.



Gert Ressel

Gert Ressel
Der Vielseitige, 2022
Bahn ins Wunderbare

Meine Bilder beziehen sich auf Hoffmanns Nachtstücke und Romane, u.a. auf Der Sandmann und Nachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza. Auch Fähigkeiten und eigenwillige Charakteristika des Dichters, Komponisten und Malers kommen vor - wie etwa seine Trunksucht oder seine große Lebenslust - in meinem Bild "Der Vielseitige". Zum Schabernack verführte ihn das viereckige Loch in seiner Wohnung, das der Hausbesitzer vergeblich zu schließen versuchte. In "Hoffmanns Schrank" finden sich seine Markenzeichen Zylinder und langer Mantel, in dessen oberem Abschluss eine Fratze entdeckt werden kann. Wie unterschiedlich Hoffmanns Werke rezipiert werden, beschreibt die Szene in "Der Zauberer".

Wichtig ist in allen Bildern der Humor, wenn z.B. der redegewandte Hund sich weigert, niedere Dienste wie das Apportieren auszuführen. Oder wenn der zehnjährige "frühbegabte" Knabe eine dilettantische Nachzeichnung von Tischbeines Goethe anfertigt. Die von der Romanfigur Nathanael heiß geliebte "Olimpia" stellt sich als künstlich erschaffener Automat dar, was ihm zu spät bewusst wird.



Veronika Riedl

Veronika Riedl
Die Tänzerin, 2022
Tänzerin

In vielen Tänzen fasziniert uns die scheinbare Leichtigkeit, die Fähigkeit der Tanzenden, sich so weit wie möglich der Schwerkraft zu entziehen. Vielleicht spricht daraus die Sehnsucht nach dem Fliegen aus eigener Kraft, wie ein Vogel. Unter diesen gibt es wiederum Verhaltensweisen, die uns an Tanz errinnern. wie der Balztanz. Allegorien wie diese zeigen unsere untrennbare Verbindung mit der Natur.

In meiner Porzellanplastik "Die Tänzerin" zeige ich eine Assoziation eines reiherartigen Vogels mit dem Spitzentanz des Balletts, wobei der große Zeh die formalistische Ordnung eigensinnig unterwandert.



Waltraud Scheidel

Waltraud Scheidel
Boxes I, 2021
Optische Täuschungen

Die vorgestellten Acrylbilder zeigen geometrische Figuren und Linien. Die Farbgebung beschränkt sich auf Schwarz - Weiß - Grau - Rot.

Die reduzierte Farbskala sowie die Verwendung einfacher Formen und Linien bilden die Basis der Bildsprache. Vordergründig sehen die Betrachter*innen reale geometrische Elemente. Lässt man sich auf die bildnerischen Darstellungen ein, trifft man auf optische Täuschungen, Wahrnehmungswechsel und beabsichtigte Irritationen: unheimlich fantastisch oder/und total real.



Nelly Schrott

Nelly Schrott
Paper Popper, 1997/2020
Strahlenkanonen

Unheimlich fantastisch oder total real: meine "Ray-Guns". Lieber fantastische Ray-Guns als total realen Kanonen! Mit dem Thema der "Ray-Guns" beschäftige ich mich seit vielen Jahren und verwende dabei ganz unterschiedliche Techniken (Acryl auf Leinwand, Aquarell, Wachskreide, Fotographie).
Vor vielen Jahren sind mir auf Flohmärkten und in Sammlerbüchern diese Ray-Guns aufgefallen. Wörtlich übersetzt sind das "Strahlenpistolen". Gemeint sind aber schlicht und einfach Wasserpistolen, die fantastischen Comicwelten entstammen.

Diese Spielzeuge, die ihren Ursprung in den Art-déco-Strahlenkanonen der dreißiger Jahre haben, haben sich im Laufe der Jahre zu kunstvoll gefärbten und detaillierten Pistolen entwickelt - einige blitzen auf, machen unterschiedliche Geräusche, schießen Wasser und erzeugen sogar Seifenblasen. Der große Held dieser Fantasywelt ist Flash Gordon, erstmals wurde ein Comic mit ihm 1934 veröffentlicht. Diese Welt der Science-fiction und der Ray-Guns hat mich natürlich primär aus ästhetischen Gründen interessiert. Eine Ästhetisierung von Gewalt lag mir dabei völlig fern. Im Gegenteil geht es um eine Art der Metamorphose: Die harte, kalte Waffe wird zu einer weichen, verspielten, manchmal bonbonhaften Form. Deshalb - und weil der Ukraine-Krieg uns wieder in die furchtbare Welt der Waffen versetzt - habe ich die Bilder jetzt ausgewählt und setze sie in diesen Zusammenhang.



Maria Söllner

Maria Söllner
Mein bestes Automat(Olimpia), 2022
Verwandlungen

A) "Olimpia, mein bestes Automat" (Professor Spalanzani in Der Sandmann): Jahrelang stand der defekte Motor unseres alten Luftkissenmähers in meinem Atelier in der Ecke, nicht als Motor, sondern als Figur. Eine einfache Drehung von der Horizontalen in die Vertikale hatte genügt, um den Motor in eine roboterähnliche Figur zu verwandeln mit drehbaren Rädern und Scheiben, einem zylinderähnlichen Kopf mit Rundum-Augen. Das E.T.A.-Hoffmann-Jubiläum im Jahr 2022 stieß schließlich eine zweite Verwandlung an: Die Figur bekam einen Namen und wurde in einen neuen Kontext gestellt - zwar nicht wie der Automat in Hoffmanns Text in zwanzig Jahren aus Holz gefertigt, sondern ein Readymade aus Metall mit wenigen eigenen Zutaten: ein poröser alter Schulschwamm als Haar, ein Gummiband als Verbindung zwischen Körper und Arm, eine Corona-Spritze zur "Immunisierung". Olimpia ist in unserer Zeit angekommen. Vielleicht ist ihr ja noch ein "Ach, ach, ach" zu entlocken!

B) Auch die Arbeit "Duo" ist ein Spiel mit dem Realen und dem "Dahinter". Dieses "Dahinter" erschließt sich oft erst bei längerer Betrachtung. Ein in Gips abgegossener alter Geigenkasten, die Unterseite nach oben gewendet, lässt mit seinen weichen, fließenden Formen und seinen Knopf-Augen mehr aufscheinen als die nüchterne Welt eines realen Dings. Die beiden Gipsabgüsse werden einander zugeordnet wie Figuren. Auch eine liegende Position wäre denkbar. Die Arbeit ist auch eine Hommage an E.T.A. Hoffmann als Musiker.



Hubert Sowa

Hubert Sowa
Lichtland 24, 2022
Trümmer, Zwischenwelt

"Wenn der blinde Maulwurf in blindem Instinkt die Erde durchwühlt, so möchte es wohl sein, daß in der tiefsten Teufe bei dem schwachen Schimmer des Grubenlichts des Menschen Auge hellsehender wird, ja daß es endlich, sich mehr und mehr erkräftigend, in dem wunderbaren Gestein die Abspieglung dessen zu erkennen vermag, was oben über den Wolken verborgen." (E.T.A. Hoffmann, Die Bergwerke von Falun. Aus: Die Serapionsbrüder, Berlin 1819-1821.)

In der düsteren phantastisch-realistischen Schilderung der "Bergwerke von Falun" setzte sich E.T.A. Hoffmann mit dem gewaltsamen, kriegerisch anmutenden Eindringen von Menschen in die Tiefe der Erde auseinander. Er beschreibt die verwüstete Natur, die Krater und Trümmerlandschaften des Tage- und Untertagebaus und vergleicht sie mit Dantes Inferno ("...mit all seiner trostlosen Qual, mit all seinem Entsetzen..."). Zugleich aber gewinnt er diesen Trümmerlandschaften auch eine "hellsehende" Dimension ab: die des menschlichen Erkennens der Geheimnisse des Kosmos' und der Überwelt.

In alten Steinbrüchen des Steigerwaldes und der Hassberge hat mich die Faszination für solche gewaltsamen und gewaltigen Trümmerlandschaften ergriffen. In diesen Steinbrüchen wurden (und werden) nicht nur Baumaterialien gewonnen (früher etwa für den Bamberger Dom), sondern es wurde dort zugleich eine neue, ganz eigene imaginative Welt geschaffen, zwischen wirrem Durcheinander und geometrischer Ordnung, zwischen Natur und Kultur: eine Zwischenwelt, die langsam verwittert und wieder von den Pflanzen verschlungen wird. Ich halte diese Bilder in Silberstiftzeichnungen fest. Der Titel "Lichtland" spielt auf den zu Tage geförderten Stein aus der Tiefe der Erde an, aber auch auf das geheimnisvolle Schimmern der in den Gipsgrund eingeschriebenen Spuren des Silberstiftes. Auch das Silber und der Gips stammen aus den Tiefen der Erde und glänzen im Tageslicht.



Cordula Utermöhlen

Cordula Utermöhlen
Jedem Zauber wohnt ein Anfang inne, 2018
Jedem Zauber wohnt ein Anfang inne - in der Suchmaschine unterwegs

In Online-Dating-Portalen unterwegs, wird die schiere Menge an Menschen, die einem angeboten wird und die man flüchtig kennen zu lernen meint, irgendwann zu einer endlosen Kette an realen und inneren Bildern.

Geschichten und Wünsche, Selbstdarstellungen und Selbstbespiegelungen, Gesichter, oder doch wenigstens Masken(?) treffen auf die eigenen Wünsche und Vorstellungen, Erfahrungen und Hoffnungen.

Daraus entstehen Visionen von den Fremden und vom eigenen Ich, die vermeintliche Realität ist Fantasie, das Persönliche stellt sich als Marketing-Maßnahme heraus, der Mensch wird zur Maschine, oder ist Maschine(?), das Unheimliche wird fantastisch.

Obwohl dieses Bild schon 2018 ohne einen direkten Zusammenhang mit E.T.A. Hoffmann entstanden ist, folgt es ähnlichen Motiven, die Trennung von Realität und Phantasie, von Vision und Wirklichkeit, Mensch und Schimäre ist aufgehoben und die Ebenen vermischen sich.



Ute Westien

Ute Westien
Ute Westien, Elexiere des Teufels V, 2022
Unerklärliche Rätsel

Ich bin das, was ich scheine,
und scheine das nicht, was ich bin,
mir selbst ein unerklärlich' Rätsel,
bin ich entzweit mit meinem ICH.

(E.T.A. Hoffmann)

Das Lavieren zwischen Schein und Sein und die empfundene Spaltung der eigenen Persönlichkeit beschäftigt E.T.A. Hoffmann in seinem Werk ein Leben lang. Er gestaltete zwei Welten: auf der einen Seite die der Realität und auf der anderen die der Phantasie, wobei ihn das Unheimliche, Abgründige gleichermaßen ängstigte wie faszinierte. Diese Doppelbödigkeit nachzuempfinden habe ich zu meinem künstlerischen Anliegen gemacht. Auf der Suche nach einer gestalterischen Methode entschied ich mich für die Wachstechnik. In Wachs Geritztes, mit Ölfarben Eingeriebenes und wieder Ausgewischtes lässt Geheimnisvolles erahnen. Das Schauerliche und Dämonische drückt sich darüber hinaus in der bedrohlich anmutenden Farbgebung aus. In einer anderen Arbeitsweise kombinierte ich figurativen Tuschezeichnungen mit Wachs. Hinterlegt mit assoziieren, denn das "unerklärlich' Rätsel" löst sich nicht auf.